Die Lebensumstände von Anu 
Anu lebt mit ihrer Großmutter in einem kleinen Dorf in der Gemeinde Lele. Ihr Vater verließ die Familie, noch bevor sie geboren wurde. Ihre Mutter wollte erneut heiraten, dürfte aber Anu in die neue Ehe nicht mitnehmen, wodurch Anu praktisch zu einem Waisenkind wurde.
Anu lebt in einem Haus aus Steinen, die mit Lehm verbunden sind. Diese Häuser, gebaut nach den traditionellen Kenntnissen, sind bescheiden, jedoch warm und einladend. Das Essen wird auf einem Feuer zubereitet, was sowohl ökonomische als auch traditionelle und praktische Hintergründe hat. Das Holz ist das billigste und daher am häufigsten gebrauchte Brennmaterial. Der Rauch schützt das Haus vor bösen Geistern und vertreibt die in der Regenzeit zahlreichen Insekten.
Die Grossmutter sorgt für Anu so gut sie kann. Sie besitzt ein kleines Stück Land, auf dem sie Hülsenfrüchte und Gemüse anbaut, was für drei Monate des Jahresbedarfs reicht. Auch wenn schon gealtert, arbeitet sie zusätzlich in der Landwirtschaft der Nachbarn, um so etwas Zubrot zu verdienen. Die Grossmutter und Anu leben in Armut , denn das was die Grossmutter verdient , reicht eigentlich nur für ein, zwei Mahlzeiten am Tag. Die Aufnahme in das Shangli-La Projekt gibt Anu nicht nur eine fundierte Schulbildung, sondern hilft ihr und ihrer Grossmutter im Kampf um das tägliche Überleben. Anu wurde in die erste Klasse der Schule aufgenommen und lebte sich inzwischen gut in ihrer Klasse ein. Vor der Aufnahme besuchte sie schon die zweite Klasse einer Regierungsschule. Diese Schulen bieten leider ein nur sehr niedriges Bildungsniveau, wodurch Anu wahrscheinlich das Abschlussexamen nicht bestehen würde. Die Aufnahmetests zeigten sehr grosse Wissensdefizite auf. In den Regierungsschulen können die Familien keinerlei Förderung für ihre Kinder erwarten, die besonders bei Kindern aus armen Familien enorm wichtig ist. Auch während der Jahreszeit, wenn sie ihrer Grossmutter bei der Feldarbeit helfen muss und den regulären Unterricht deshalb wie viele Kinder nicht besuchen kann, wird sie vom Förderungsprogramm profitieren und in der Nähe ihres Dorfes Nachhilfestunden besuchen.
Ein paar Informationen über ihren Heimatort
Lele ist eine kleine Ortschaft, die in einem malerischen Flusstal liegt. Die Einwohner leben hauptsächlich von der Landwirtschaft. Die Steingewinnung und Bearbeitung bieten zusätzliche Einkommensquellen. Lele wurde an eine ungeteerte, in der Monsunzeit kaum befahrbare Straße angeschlossen. Die Wasserversorgung ist nicht ausreichend, so sind viele Haushalte auf Brunnen- oder Quellwasser angewiesen. In Lele leben hauptsächlich hinduistische Kasten, aber auch ethnische Minderheiten wie die Tamangs oder Newars. Die geographische Lage bietet der Landwirtschaft nur steile Hügelhänge und etwas fruchtbares Land in der Nähe des Flusses. Die meisten Einwohner Leles leben an der Armutsgrenze und suchen oft Beschäftigung in der ca. 12 km entfernten Hauptstadt.
Die Lage der Unberührbaren in Nepal
Trotz der 1990 -91 verabschiedeten neuen Landesverfassung, die die Kastenzugehörigkeit formell abschaffte, wird dieses archaische Gesellschaftssystem in Nepal weiterhin gelebt. Die Veränderung des Bewusstseins der Gesellschaft findet sehr langsam statt und nicht zuletzt durch die hohe Analphabetenrate wird sie noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Eines hat sich jedoch geändert, das Recht auf Bildung kann landesweit umgesetzt werden. So darf Anu eine freie Schule besuchen und hat die Chance, irgendwann ihre Zukunft selbst zu gestalten. Leider ist die momentane Situation der Angehörigen der niedrigeren Kasten in Nepal immer noch alarmierend. Vor allem in den Dörfern (90 % der Nepalesen leben in den ländlichen Regionen) werden die traditionellen Gesellschaftsstrukturen weiterhin beibehalten. Das bedeutet, dass die "Unberührbaren“ nur bestimmte Berufe und Tätigkeiten ausüben dürfen, dadurch unüberwindbaren Grenzen ausgesetzt werden und nur wenige Chancen haben, den Armutskreislauf zu durchbrechen. Für den Schulbesuch der Kinder reichen oft die finanziellen Mittel nicht aus, denn das Leben bedeutet in erster Linie die Sorge um das nackte Dasein. Gerade in dieser Gesellschaftsgruppe findet man die höchste Kindersterblichkeit, die höchste Analphabetenrate und die niedrigste Lebenserwartung.
Fotos, Infos: Shangri La Govinda Entwicklungshilfe e.V.
